Rubrik: Artikel
veröffentlicht am 4.12.2008

Mit trister Poesie jonglieren

ein Artikel von KTZ zum Thema Dichtung

Ein ganz erstaunlich poetisches Buch in einer sonst faden Zeit: Delphine Blumenfelds ,,Arbeitslos Heimatlos Alles los” (Drava).

Nein, das ist nicht schon wieder eines jener um pädagogische Betroffenheit bemühten “gesellschaftskritischen” Bücher, wie es der Titel “Arbeitslos Heimatlos Alles los” suggerieren könnte. In einem solchen könnte die tiefe Depression einer Langzeitarbeitslosen, einer wirklich armen Frau über ihr “hiniges Leben nicht in derart koboldhafte Sätze wie diese umschlagen: “Wenn ich kein Geld habe, hole ich Kerzen vom Friedhof. Ich steige nachts über die Mauer und pflücke die noch nicht abgebrannten Kerzen von den Gräbern. Dabei bitte ich die Toten, mir zu verzeihen. In der Regel tun sie e s…” Delphine Blumenfeld, pardon, ist, auch wenn sie es nicht und nicht zugeben will, eine Poetin von Rang - was ihr übrigens, sie hieß damals noch Christiane Janach, H. C. Artmann auf den Kopf zusagte, nachdem er ihre zum Heulen traurig-komischen Gedichte gelesen hatte.

In ihrer sehr realen Odyssee von der Bank, wo sie das Konto “bis zum Limit” ausgeschöpft hatte, zum hoffnungslosen Anklopfen beim Arbeitsmarktservice, von dem Bauwagen, wo sie sich eingerichtet hat, auf diverse Friedhöfe und retour, macht sie die Bekanntschaft von Gespenstern, verkleidet sich hinter einer afrikanischen Affenmaske, übt sie sich im Jonglieren (um vielleicht damit Geld zu verdienen), ruft sie wie eine verkappte Schamanin Tiere zu Hilfe: “Katze, Hund, Maus, Schnecke, / Reh, Krähe, Spatz, Spinne, / Eidechse, Taube, Ratte, / alles, was Federn hat, kriecht und fliegt, / alles, was Flügel hat, Pfoten und Fell, / meine Großväter und Großmütter in Tier- und Menschengestalt, / Wasser, Feuer, Wind, / Sonne, Sterne, Mond, Erde, / alle, die mit mir befreundet sind …”

Ihre in der Realität armselige Behausung wird zum Universum: “Manchmal stelle ich mir vor, dass mein Bauwagen ein Zirkuswagen ist. Leute wie ich jonglieren mit Äpfeln, Brot, einem Krautkopf und Speckstückchen. Der Himmel über uns ist in Wirklichkeit ein Zirkuszelt. Die Sterne daran nur angenäht.” “Erzählungen und Lieder” sind in dem im Drava Verlag erschienenen Band zu finden. Das sagt zu wenig über ein Buch, dessen Autorin es wagt, sich selbst, ihre Situation, alles, was sie sieht, in purste Poesie zu transmutieren.
Eine Pflichtlektüre in diesen grauen, faden Zeiten.

Bericht von Bertram Karl Steiner, Kärntner Tageszeitung

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