Rubrik: Artikel
veröffentlicht am 18.3.2009

Ein spannender Kärntner Albtraum

ein Artikel von KTZ zum Thema Dichtung

Günter Schmidauers soeben im Wieser Verlag erschienener Roman “Trommelsteine” führt in die verdrängten Vergangenheiten in Klagenfurts Gesellschaft.

VON MANFRED POSCH

Wer zum Begriff “Trommelsteine” Google bemüht, stößt auf 77.500 Eintragungen. Günter Schmidauers vom renommierten Wieser Verlag herausgebrachter Roman “Trommelsteine” hat zwar hinblicklich Google Aufholbedarf, nicht aber die Qualität betreffend: Eine Art Kriminalroman liegt vor, der zu loben ist, dessen Tiefgang deutliche Wahrnehmung über die heimische Literaturrezeptivität hinaus zu wünschen ist. Doch nicht nur die Tatsache, dass es sich beim Autor um ein seit langem Wertschätzung genießendes Mitglied der hiesigen Kulturszene handelt, um einen Schreiber, der über eine solide Pranke verfügt, mag dem Roman Interesse zuführen - das in allen heimischen Gesellschaftskreisen gerne vernommene Thema ists, was ein für Kärnten untypisches Raunen erzeugen könnte/sollte. Klarer ausgedrückt: Die konzedierte handwerkliche Qualität widmet sich einem Stoff, der häufig unter Hinweis darauf abgetan wird, dass “es einmal genug sein” müsste.

Schrecken der NS-Zeit
Womit es “genug sein” müsse? Mit den Hinweisen auf die Schrecken der NS-Vergangenheit, die Konzentrationslager, die Verbrechen der SS etc. pp. Wer so spricht (Copyright: meist rechts, aber allenthalben leider auch links), kennt ihn nicht, den Philosophen Theodor W. Adorno, oder will von dessen “Kulturkritik und Gesellschaft” nichts wissen - jener Kritik, die mit der Feststellung endet: “Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch.”

Gesellschaftliche Bedeutung
Adornos Edikt zum Scheitern von Kunst und Literatur vor dem Hintergrund unfassbarer, in solchen Dimensionen noch nie verübter Verbrechen ist, wie man weiß, Theorie geblieben; die “Einmal ist es genug”-Apostel sind die Praxis - und in Kärnten ganz besonders. Womit Schmidauers Wurf sozusagen ambivalent, von zeitgeschichtlicher und aktueller gesellschaftlicher Bedeutung ist. Worum es geht? Eine alte Klagenfurterin verschwindet, ein paar Tage später wird das Oberhaupt der “gutbürgerlichen” Familie ermordet. Im Zuge privater und polizeilicher Recherche öffnet sich die Vergangenheit, jene Jahre treten in die Gegenwart, da “unwertes Leben” vernichtet wurde. Über den Massentransporten, über dem von NS-Ärzten verordneten Sterben lag jahrzehntelang der Mantel des Schweigens doch, so die “Trommelsteine”-Quintessenz: “Unrecht verjährt nicht.”

Schmidauers Klagenfurt
Der Autor, der am Burgtheater wirkte und als Chefdramaturg und Werbeleiter am Stadttheater Klagenfurt die Ära Wochinz mitgestaltet hat, kennt “sein” Klagenfurt und dessen See-Umgebung, zeichnet manch ein gültiges, von lyrischen Gespinsten umfächeltes Kolorit. Die Straßen und Plätze, die Gegenden “stimmen”, der Roman vermittelt gleichschwebende Aufmerksamkeit. Seinem Heimito von Doderers “Die Wasserfälle von Slunj” entnommenen Motto (”Hier mag man den Geist jener Zeit erkennen. Aussprachen fanden kaum jemals statt. Auch nicht zwischen Vätern und Söhnen.”) hat Schmidauer immerhin 330 Seiten hinzugefügt.

Günter Schmidauer: “Trommelsteine“, Roman, 331 Seiten, Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec, 2009.

Keine Kommentare Kommentar schreiben

Bislang hat noch niemand auf diesen Beitrag geantwortet.