Rubrik: Artikel
veröffentlicht am 5.5.2009

Der “goscherte” Held für die Ehre Österreichs

ein Artikel von KTZ zum Thema Schauspiel, Theater

Fritz Muliar ist tot. Wenige Stunden vor seinem Ableben in der Nacht auf gestern stand das Monument des österreichischen Theaters noch auf der Bühne “seiner” Josefstadt. Nachruf auf einen lieben Freund.

VON BERTRAM KARL STEINER / Kärntner Tageszeitung

“Du waßt eh, zu meinem Neunzger am 12. Dezember muaßt schon a Gschicht für die Kärntner Tageszeitung schreiben”; Fritz Muliar greift in ein Nylonsackerl und überreicht mir einen Bund Spargel: “Frisch gstochen aus dem Marchfeld.” Das war gestern vor einer Woche; wir waren verabredet gewesen zu einer Buchpräsentation im Wiener slowenischen Kulturzentrum Korotan. Aus der Gschicht muss jetzt ein vorläufiger, ziemlich desperater Nachruf werden. Auf wen? Auf den überlebensgroßen Schauspieler, den legendären Schwejk, auf diese Inkarnation von Nestroys Genius, auf den erschütternden Greis aus Felix Mitterers “Sibirien”, auf das Theaterurgestein, das vor 71 Jahren debütiert hat und wenige Stunden vor seinem jähen Ableben noch in Peter Turrinis “Wirtin” auf der Bühne “seiner” Josefstadt gestanden war? Nachruf auf den mit stündlich wachsendem Schmerz vermissten Freund Fritz? Das geht nicht, heute geht´s noch nicht.

Er war ein echter Held
Probieren wir es anders: Dieser Fritz ist ja ein Held gewesen, ein echter, wie es deren in Österreich leider gar nicht so viele gegeben hat: Dieser stets grantelnde Fritz hat, nachdem er schon vor 1938 mit wütender Leidenschaftlichkeit für sein Österreich gekämpft hatte, als Wehrmachtssoldat wider Willen, indem er Passierscheine fälschte, vielen jüdischen Menschen in Frankreich zur Flucht vor den NS-Schergen verholfen. Er wurde verhaftet, weil er den Hitler wahrheitsgemäß als “Verbrecher” bezeichnet hatte. Der Hinrichtung entging er knapp. Was für eine Biografie: Aus Zorn über die Ermordung des Kanzlers Dollfuss ließ sich der 17-Jährige von Guido Zernatto (OT Zernatto: “Aber du bist ja noch a Bua …”) in die “Vaterländische Front” aufnehmen. Von daher kommend war er im Verhandlungsteam der Regierung Schuschnigg mit den Sozialdemokraten; ein letzter Versuch, Österreich zu retten. Hier lernte er seinen späteren Lebensfreund Bruno Kreisky kennen. Nach dem Krieg die Wiederbegegnung mit Kreisky und das Engagement für dessen Weg.

Fritz ist durch seine absolute Ablehnung jeglicher Erscheinungsform des Nationalsozialismus aber auch zum Gewissen der Sozialdemokratie und darüber hinaus ganz Österreichs geworden. Sein allerletztes Erschrecken galt bei unserem Treffen vor einer Woche dem schleichenden “populistischen” Wiederaufleben von NS-nahen Gefühlen im Lande - Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Alltagssadismus. In diesem Punkt hat Fritz keinerlei Nachsicht und keine taktische Rücksichtnahme gekannt. “Goschert sein” hielt er für die erste Bürgerpflicht, wenn es ums ganze, das europäische, das bunte Österreich ging: “Ich bin überzeugter sozialdemokratischer Monarchist”, meinte er zuweilen. Es ist zum Heulen, dass Fritz jetzt gegangen ist.

Keine Kommentare Kommentar schreiben

Bislang hat noch niemand auf diesen Beitrag geantwortet.